Deutschland:

Thema Rassismus, Teil 2

DDR, Wende und danach...

Menschen in Westdeutschland sind immer wieder entsetzt über das plötzliche Aufblitzen von Rassismus in Ostdeutschland. Menschen in Ostdeutschland stecken viel zu oft mitten drin und verstehen nicht, wie es dazu kommen konnte. Für gesamtdeutsch denkende Menschen sind hier ein paar Informationen zusammengetragen worden.

DDR-Zeit:

Rechte Tendenzen gibt es im sogenannten Osten Deutschlands schon seit Jahrzehnten. Auch zu DDR-Zeiten! Das durfte nur nicht offen ausgesprochen werden.

Offiziell galt das Prinzip der Völkerfreundschaft, die DDR distanzierte sich von der deutschen Nazi-Vergangenheit und Faschismus und rechtes Gedankengut wurden immer mit der BRD in Zusammenhang gebracht. Denn dorthin seien die Altnazis nach dem Krieg aus Angst vor den Sowjets geflohen. Deshalb hieß die Mauer auch „antifaschistischer Schutzwall“. In Wirklichkeit lebten einige Altnazis auch in der DDR – unbehelligt oder unentdeckt von der DDR-Obrigkeit.

Einige DDR-Bürger haben vielleicht auch aus Protest zu den Lebensumständen in der DDR rechtes Gedankengut angenommen. Je angespannter der Kalte Krieg war, desto angespannter war auch das Leben der Menschen im Ostblock. Desto mehr griff der Staat in ihr Leben ein. Und desto stärker wuchs der innere Protest der Menschen. Und bei einigen (wenigen) von ihnen bedeutete dies eben ein Gedankengut von rechts außen. Und insofern, als dass auch die BRD ihre ideologischen Geschütze gegen die DDR ins Feld führte und nicht immer eine Politik der Entspannung verfolgte, trägt auch der Westen Verantwortung hinsichtlich der Entwicklung dieses Gedankengutes.

Die Wende:

Über Nacht viel die Mauer, nachdem monatelang Angst, Wut aber auch Mut die Gefühle der Ostdeutschen beherrschte. Plötzlich war nichts mehr, wie die Menschen es gewohnt waren. Ein Jahr der Regellosigkeit (Anarchie) folgte. Denn neue Verhaltensweisen, Institutionen und Gesetze kamen nicht über Nacht. Wohl aber Westdeutsche Neonazis, die beste Bedingungen vorfaden: verunsicherte, wütende und zum Teil rechts-vorbelastete Jugendliche, die sich endlich als Deutsche bezeichnen zu durften. Denn DDR-Bürger waren offiziell keine Deutschen, sondern eben DDR-Bürger. Nur im Zusammenhang mit der Sprache wurde das Wort „deutsch“ gebraucht. Nach der Grenzöffnung war für eine kurze Zeit alles möglich: die Menschen saßen an „Runden Tischen“ zusammen und realisierten Demokratie, wie es sie seitdem in Deutschland nicht wieder gab. Gleichzeitig terrorisierten Kahlköpfe die Bevölkerung. Denn westdeutsche Neonazis hatten massenhaft ostdeutsche Jugendliche von der Straße weg rekrutiert, um ihnen Disziplin, Recht und Ordnung zu bieten.

Nach 1990:

Schon der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 war vielerorts von Aufmärschen der Rechten überschattet! Viele Jahre der Angst vor einem Teil der ostdeutschen Bevölkerung folgten. Immer wieder Aufmärsche der rechten Szene, immer wieder Übergriffe auf Ausländer und auf die, die dagegen anzugehen suchten. Permanente Unterfinanzierung der Polizei führte bei ihr zu Personalmangel und schlechter Ausrüstung. Die Kahlköpfe eroberten ganze Stadtteile und schreckten vor körperlicher Bedrohung und Mord nicht zurück. Anfang der 90er Jahre entwickelte sich in vielen ostdeutschen Städten ein Kampf zwischen rechten und linken Jugendlichen. Es war praktisch unmöglich, sich nicht einer der Gesinnungen zuzuordnen! Aber: die Rechten waren zahlenmäßig in der Minderheit! Und: Der Westen ignorierte dieses Problem! Gerade westdeutsche Medien berichteten erst dann, wenn es brannte oder Tote gab.

Mit dem 10. Jahrestag der Grenzöffnung rückten die unterschiedlichen Lebensbedingungen in Ost und West dann in einen gesamtdeutschen Fokus. Im Sommer 2000 schlug die Wirtschaft Alarm. Offensichtlich wollten ausländische Firmen nicht mehr im Osten investieren, weil die Menschen dort ausländerfeindlich seien. Es wurde mehr Zivilcourage von den Ostdeutschen gefordert. Aber wie couragiert sollen die Menschen denn sein, wenn man eine Gewalttat der Neonazis anzeigen möchte, von ihnen aber deshalb bedroht wird? Die Antwort der Polizei: Wenn Sie eine Anzeige wollen, können wir Sie nicht vor den Übergriffen schützen. Wir haben zu wenig Personal. Bitte legen Sie sich eine Waffe zu.

15 Jahre nach der friedlichen Revolution sitzen Rechte nun in den Landtagen Sachsens und Brandenburgs. Was ist falsch gelaufen? Vor allem wohl ein zu oberflächlicher Informationsfluss zwischen Ost und West. Denn wenig informiert über die Ereignisse und Zustände im Osten schenkte die westdeutsche Bevölkerung den Empörungen der Ostdeutschen über die Aufmärsche der Neonazis in den 90er Jahren keinen Glauben oder zeigte kein Interesse.

Was muss nun getan werden? Statt pauschal mit dem Finger auf die „Ossis“ zu zeigen, heißt es nun auch für den Westen, nach den Gründen für dieses Wahldebakel zu suchen. Wenn in Ostdeutschland Neonazis in den Parlamenten sitzen, dann ist dies nicht nur ein ostdeutsches Problem. Es ist eine Schande und eine Gefahr für ganz Deutschland. Solange Westdeutschen dieses Denken fremd ist, wird der Osten weiterhin mit diesem Problem allein gelassen. Das kann den Neonazis nur Recht sein!

Kathrin Beutin, Hamburg, November 2004


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